Die moderne Geschichtsdidaktik (seit etwa 1970) grenzt sich von einem früheren Verständnis ihrer vermeintlichen Aufgabe ab, sie nur als pragmatische Disziplin zur besseren Vermittlung geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse an Schülerinnen und Schüler (Abbilddidaktik) im Geschichtsunterricht anzusehen. Ebenso ist sie keine rein pädagogisch motivierte Geschichtspädagogik. Sie hat mit der Kategorie des Geschichtsbewusstseins ein Zentrum gefunden, das einschließt:
empirische Forschungen zu Struktur und Genese von Geschichtsvorstellungen und Prozessen historischen Denkens,
pragmatische Bemühungen um die Entwicklung von Prinzipien und Verfahren (Methoden) von Geschichtsunterricht.
Dieses Selbstverständnis der Geschichtsdidaktik hat sich in der Bundesrepublik seit etwa Mitte der 1960er Jahre entwickelt. In der DDR gab es eine so verstandene Disziplin "Geschichtsdidaktik" nur in eingeschränktem Sinne. Die entsprechende Disziplin verstand sich dort seit etwa 1960 nur noch als Methodik des Geschichtsunterrichts.
In anderen Ländern Europas und darüber hinaus gibt es Geschichtsdidaktik als eigene Disziplin in diesem Sinne nur in Ansätzen.
Ziele
Die Ziele moderner Geschichtsdidaktik sind
hinsichtlich der Theoriereflexion die Erarbeitung einer Theorie des historischen Denkens sowohl von Individuen als auch in Kollektiven (Gesellschaften) hinsichtlich seiner Strukturen, Einflussgrößen und Verlaufsformen als auch seiner Funktionen für die Gesellschaft und das Individuum,
hinsichtlich der empirischen Forschung die Herausarbeitung von verschiedenen Typen historischen Bewusstseins, historischer Argumentations- und Denkformen und ihrer Bestimmungsfaktoren;
hinsichtlich der Pragmatik die Erarbeitung von Prinzipien, Verfahren und Kategorien für verschiedene Formen von historischem Lernen, die die/den Lernende(n) befähigen sollen, ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein in dem Sinne zu entwickeln, dass sie/er in der Lage ist,
selbstständig Erfahrungen über die Vergangenheit auf die eigene Gegenwart und Zukunft zu beziehen und somit sein eigenes heutiges Handeln zu orientieren,
Aussagen anderer über Geschichte daraufhin zu befragen, was sie zum Zusammenhang von Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft und über die Bedeutung der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft aussagen.
Theoretische Prämissen
Zu den theoretischen Prämissen der heutigen Geschichtsdidaktik gehören
die prinzipielle Unterscheidung von Vergangenheit und Geschichte, wobei erstere als nicht unabhängig von einer Narration erkennbar gilt, letzterer Begriff eine grundsätzlich narrativ verfasste Bezugnahme auf die Vergangenheit und ihren Zusammenhang mit der Gegenwart bezeichnet;
die Bedeutung des Geschichtsbewusstseins für die individuelle und kollektive Identität;
die Einsicht, dass jegliche Aussagen über Vergangenheit und Geschichte perspektivisch ist, eine vollständige Rekonstruktion einer vergangenen Wirklichkeit erkenntnistheoretisch daher unmöglich ist (vgl. Arthur C. Danto: Analytische Philosophie der Geschichte. Frankfurt am Main 1980);
die Notwendigkeit einer multiperspektivischen Betrachtung und Vermittlung von Geschichte in empirischer Forschung (Fachwissenschaft) und Geschichtsunterricht;
das Verständnis von historischem Lernen nicht als Übernahme von vermeintlich perspektivübergreifend gültigem Wissen, sondern als Erwerb der Kompetenz zu eigenständigem historischem Denken.
Gegenwärtige Forschungsprobleme
Gegenwärtige Forschungsprobleme der Geschichtsdidaktik betreffen unter anderem:
die Frage der Schwierigkeitsstufung, der Schüler- und Altersgerechtigkeit des Lernens und damit der Lernprogression: Frühere Überzeugungen, dass die Entwicklung des Kindes in fest vorgegebenen, auf Reifung basierenden, Entwicklungsstufen verlaufe, sind seit den späten 1970er Jahren stark kritisiert worden. Auf ihnen basierende Forderungen, dass der Geschichtsunterricht mit seinen Inhalten, Zielen und Methoden dieser Entwicklung zu folgen habe, haben daher ihre Grundlage verloren - somit aber auch die Schlussfolgerung, dass Geschichtsunterricht erst ab einem Alter von etwa 10-11 Jahren überhaupt möglich sei. Andererseits bleibt es unbestritten, dass jüngere Kinder andere inhaltliche Interessen haben und dass sich auch Denkformen wandeln. Zur Zeit liegt kein ausgearbeitetes System einer kategorialen Unterscheidung von Schwierigkeitsstufen historischer Denk- und Lernaufgaben vor - weder für die Unterscheidung von Niveaus für verschiedene Niveaustufen, noch für ein ausgearbeitetes Modell der Lernprogression; Forschung und Diskussion in diesem Bereich müssen sich zusätzlich einstellen auf:
die Herausforderung durch die Interkulturalität sowohl innerhalb der eigenen Gesellschaft als auch auf Grund der Globalisierung (Internet, Urlaubs- und Wirtschaftskontakte), die einen weiterhin thematisch und kategorial nationalstaatlich bestimmten Geschichtsunterricht unmöglich macht und es erfordert, über das Ziel historischen Lernens in der Gesellschaft neu nachzudenken. Integration der Lernenden in die (nationale) Gemeinschaft kann nicht weiter das einzige oder auch nur vorherrschende Ziel sein. Es muss abgelöst werden durch die Befähigung zur eigenen Orientierung in einer heterogenen Gesellschaft. Geschichtsunterricht darf daher nicht Sinnstiftung betreiben, sondern muss zu einer selbstständigen Sinnbildung befähigen, die die kulturelle Andersheit des jeweils Anderen anerkennt. Demgegenüber steht der Anspruch auf die staatliche Durchsetzung universaler Normen wie der Menschenrechte auch gegen andersartige kulturelle Traditionen. Es bleibt weiter offen, welche Rolle die kulturelle Tradition der Mehrheit als mögliche Leitkultur hat.
Organisationsform
Die Geschichtsdidaktik ist als Fachdidaktik in der Bundesrepublik Deutschland zumeist an den Universitäten und/oder Pädagogischen Hochschulen angesiedelt. Ihre dortige Organisationsform ist jedoch sehr unterschiedlich. Hinsichtlich der institutionellen Zuordnung dominiert die Eingliederung in fachwissenschaftliche Abteilungen (Fakultäten, Fachbereiche) über das Modell der Zuordnung zu den Erziehungswissenschaften (so an der Universität Hamburg). Eine gesonderte Ausgliederung aller Fachdidaktiken in einem eigenen fakultäts- oder fachbereichsunabhängigen Institut war früher an der FU Berlin realisiert, ist aber aufgegeben worden. Im letzten Jahrzehnt mehren sich aber die Versuche, die Geschichtsdidaktik auch bei Zuordnung zur Fachwissenschaft Geschichtswissenschaft enger mit den anderen Fachdidaktiken zu verzahnen und gemeinsame Forschungsprojekte, gerade auch in der Empirie zu ermöglichen. Ein Beispiel ist hier die Zusammenarbeit aller Fachdidaktiken im Didaktischen Zentrum an der Universität Oldenburg.
Auch hinsichtlich der internen Struktur ist die Geschichtsdidaktik an den Universitäten unterschiedlich organisiert. Es gibt ganze Institute für Geschichtsdidaktik, so an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, einzelne Lehrstühle und Professuren innerhalb der Historischen Seminare und Institute, aber auch die "Bedienung" der Fachdidaktik nur durch Vertreter des Mittelbaus (so in Rostock, Greifswald, Lüneburg etc.). Letzteres Modell macht eine eigenständige fachdidaktische Forschung weitgehend unmöglich. Aber selbst bei der Ausstattung der Geschichtsdidaktik mit Professuren ergeben sich Unterschiede hinsichtlich der Denominationen. An einigen Universitäten, zumeist dort, wo die Geschichtsdidaktik Teil des Historischen Seminars ist, finden sich Kombinationen von Professuren für "Geschichte" bzw. "Moderner" oder auch "Mittelalterlicher Geschichte" mit "Fachdidaktik". Aus der Tradition der Pädagogischen Hochschulen, in denen die Lehrstuhlinhaber sowohl fachwissenschaftliche wie fachdidaktische und -methodische Veranstaltungen zu halten hatten, stammen die Denominationen von "-geschichte und ihre Didaktik", die sich heute noch finden. Demgegenüber sind an der Universität Hamburg alle Fachdidaktiker Professoren "für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Didaktik der" (hier: Geschichte). Reine Fachdidaktik-Professuren finden sich selten, zuweilen sind sie gekoppelt mit der Denomination für Theorie des Geschichte (so an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt).
Neben der universitären Geschichtsdidaktik gibt es weitere Institutionen, die sich mit der Erforschung des öffentlichen Gebrauchs von und des Umgangs mit Geschichte beschäftigen. Es sind dies mit Blick auf die Lehrerbildung vor allem die Staatlichen Studienseminare, also die Ausbildungsstätten der 2. Phase (Referendariat) und die Fortbildungsinstitute. Daneben existieren auch freie Träger, wie etwa Stiftungen und Vereinigungen sowie Forschungsinstitute. Zu nennen sind für letztere in Deutschland vor allem das "Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung" (GEI) in Braunschweig, das aus den zunächst bi- später multinationalen Bemühungen um eine "Entgiftung" der Schulbücher entstanden ist und heute auch Schulbücher anderer Fächer in den Blick nimmt. Es hat in den letzten Jahren eine große Bedeutung bei der begleitung der Transformation des Geschichtsunterrichts in den ehemals sozialistischen Staaten, aber auch bei der "Befriedung" des Geschichtsunterrichts in Krisenregionen entwickelt. Zu nennen ist auch die Körber-Stiftung in Hamburg, die einen zweijährlichen Geschichtswettbewerbes für Schüler unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten veranstaltet, und dadurch viel für die Etablierung des Konzepts des Entdeckenden Lernens bzw. "Forschenden Lernens" getan hat. Auch dieses Projekt hat in den letzten Jahren über Deutschland hinaus eine europäische Dimension erlangt.
Der wissenschaftliche Fachverband für die Geschichtsdidaktiker im deutschsprachigen Raum ist die "Konferenz für Geschichtsdidaktik" (KGD). Daneben gibt es eine "Internationale Gesellschaft für Geschichtsdidaktik".
Klaus Bergmann (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik. 5. Auflage. Kallmeyer, Seelze-Velber 1997, ISBN 3-7800-4920-1.
Hans-Jürgen Pandel, Ursula Becher (Hrsg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. Schriftenreihe Forum Historisches Lernen. Wochenschau-Verlag, Schwalbach/Taunus 1999, ISBN 3-87920-430-6.
Hilke Günther-Arndt (Hrsg.): Geschichts-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. 2. Auflage. Cornelsen Scriptor, Berlin 2003. ISBN 3-589-21858-4.
Ulrich Mayer, Hans-Jürgen Pandel, Gerhard Schneider (Hrsg.): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht. Schriftenreihe Forum Historisches Lernen. Wochenschau-Verlag, Schwalbach/Taunus 2004, ISBN 3-87920-436-5.
Waltraud Schreiber (Hrsg.): Erste Begegnungen mit Geschichte. Grundlagen historischen Lernens. 2 Bände. Ars Una , Neuried 2004, ISBN 3-89391-708-X.
Joachim Rohlfes: Geschichte und ihre Didaktik. 3. Auflage. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2005. ISBN 3-525-36007-X
Ulrich Mayer (Hrsg.): Wörterbuch Geschichtsdidaktik. Wochenschau-Verlag, Schwalbach/Taunus 2006, ISBN 3-89974-257-5.
Waltraud Schreiber, Andreas Körber, Bodo von Borries, Reinhard Krammer, Sibylla Leutner-Ramme, Sylvia Mebus, Alexander Schöner, Béatrice Ziegler (Hrsg.): Historisches Denken. Ein Kompetenz-Strukturmodell. Ars Una, Neuried 2006, ISBN 3-89391-720-9.
Marko Demantowsky, Bernd Schönemann (Hrsg.): Neue geschichtsdidaktische Positionen. 3. Auflage. Projektverlag, Bochum 2007, ISBN 3-89733-080-6.
Hilke Günther-Arndt (Hrsg.): Geschichts-Methodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. Cornelsen Scriptor, Berlin 2007, ISBN 978-3-589-22526-2.
Andreas Körber, Waltraud Schreiber, Alexander Schöner (Hrsg.): Kompetenzen historischen Denkens. Ars Una, Neuried 2007, ISBN 3-89391-788-8.