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Die vietnamesische Sprache (Vietnamesisch, Annamitisch, tiếng Việt, tiếng Việt Nam, oder Việt ngữ) ist die Amtssprache in Vietnam. Sie wird von etwa 75 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen, davon etwa 70 Millionen Menschen in Vietnam und schätzungsweise sechs bis sieben Millionen Vietnamesen im Ausland. Vietnamesisch ist nicht mit der chinesischen Sprache verwandt, obwohl das Vietnamesische eine hohe Zahl an Lehnwörtern aus dem Chinesischen aufweist. Vietnamesisch ist eine tonale und monosyllabische Sprache (die Wörter bestehen aus nur einer Silbe). Aufgrund des jahrzehntelangen Vietnamkriegs und der darauf folgenden Abschottung des Landes bis in die 1980er Jahre gehört Vietnamesisch zu den linguistisch weniger erforschten Sprachen.
KlassifikationDie genetische Einordnung der vietnamesischen Sprache ist heute unumstritten, sie gehört zu den Mon-Khmer-Sprachen innerhalb der austroasiatischen Sprachfamilie. Dies geht auf die Sprachwissenschaftler Jean Przyluski und A.-G. Haudricourt zurück, die Vietnamesisch mit der Mường-Sprache verglichen, die zwar keine Tonsprache ist, aber trotzdem nachweislich mit dem Vietnamesischen verwandt ist. In einem viel beachteten Artikel erklärte Haudricourt 1954 die Tonogenese der vietnamesischen Sprache, nämlich dass sie ursprünglich keine Tonsprache war und sich die sechs Töne erst später herausbildeten. GeschichteDie Geschichte der vietnamesischen Sprache ist nicht zweifelsfrei geklärt. Die heute vorherrschende Meinung geht auf Henri Maspéro zurück. Nach dieser gab es eine Proto-Vietnamesische Sprache, die bezüglich Flexion und Konsonantenverbindungen anderen Sprachen in der Austro-Asiatischen Sprachfamilie ähnlich war. Diese Eigenschaften sind später verloren gegangen; stattdessen hat sich die vietnamesische Sprache ähnlich anderen südostasiatischen Sprachen entwickelt (etwa den Tai-Kadai-Sprachen). So kamen Töne und der isolierende Sprachbau im Vietnamesischen auf. Diese Vorgängersprache war möglicherweise zunächst in der Region um den Roten Fluss im heutigen Nordvietnam beheimatet und kam erst mit der langsamen Ausdehnung des vietnamesischen Einflusses nach Süden in das heutige Mittel- und noch viel später erst in das heutige Südvietnam. Gleichzeitig zu dieser Ausdehnung kam es zu einer politischen Dominanz Chinas über Vietnam, die 1.000 Jahre dauern sollte. Die Chinesen machten die chinesische Sprache zur Literatur- und Amtssprache, sie wurde damit zur Sprache der herrschenden Klasse des Landes. Bis zum 10. Jahrhundert hatte sich eine Art Sino-Vietnamesisch herausgebildet, das eine hohe Anzahl von chinesischem Vokabular enthielt und auch mit chinesischen Zeichen geschrieben wurde. Vor allem aus dem gesellschaftspolitischen und kulturellen Bereich wurden zahlreiche Wörter in die vietnamesische Sprache übernommen. Nach dem Ende der chinesischen Herrschaft über Vietnam bekam die vietnamesische Umgangssprache wieder höhere Bedeutung. Diese Sprache wurde ebenfalls mit chinesischen Zeichen geschrieben, die die vietnamesischen Gelehrten jedoch nach und nach an ihre Bedürfnisse anpassten, das Ergebnis war chữ nôm. Diese altvietnamesische Sprache erreichte im 16. Jahrhundert ihre Blütezeit, zahlreiche Schriftsteller verfassen heute noch bedeutende Werke in chữ nôm. Im 17. Jahrhundert entwickelten Missionare aus Europa eine Romanisierung der vietnamesischen Sprache. Gleichzeitig begannen europäische Sprachen, speziell das Französische, die vietnamesische Sprache zu beeinflussen. Langsam entwickelte sich dadurch die mittelvietnamesische Sprache heraus. Nachdem im späten 19. Jahrhundert Vietnam zur französischen Kolonie wurde, wurde die französische Sprache auch Amts- und Bildungssprache. Viele Worte aus dem Französischen kamen als Lehnwörter in die vietnamesische Sprache, und eine bedeutende Zahl von Sino-Vietnamesischen Wörtern bekam eine neue, von westlichem Gedankengut inspirierte Bedeutung. Die chinesische Schrift blieb in Verwendung, die romanisierte Schrift breitete sich jedoch im 19. Jahrhundert weiter aus. Im Jahre 1910 führte die französische Kolonialverwaltung die lateinische Schrift offiziell ein. Nach der Unabhängigkeit Vietnams 1945 wurde sie verbindlich und ermöglichte eine schnellere Alphabetisierung großer Bevölkerungsteile. Geografische VerteilungOffizieller StatusVietnamesisch ist ausschließlich in Vietnam Amtssprache. In Vietnam wird es von der gesamten Bevölkerung gesprochen; die zahlreichen ethnischen Minderheiten des Landes (dazu gehören Chinesen, Inder und Kambodschaner ebenso wie zahlreiche Bergvölker) sprechen die Sprache entweder als Muttersprache oder als Zweitsprache. Darüber hinaus hat sich die Sprache mit der Auswanderung von Millionen Vietnamesen in die ganze Welt verbreitet. So wird Vietnamesisch vor allem in den USA, Australien, Kanada und Frankreich von "Überseevietnamesen" gesprochen. In Deutschland gibt es etwa 100 000 Muttersprachler, in Frankreich etwa 200 000, in Polen sind es etwa 5 000. DialekteEs gibt drei Hauptdialekte. Die Sprecher des einen Dialektes können unter Umständen den Sprecher eines anderen Dialektes verstehen, denn die Dialekte unterscheiden sich nur in der Aussprache und Wortwahl, nicht aber in Grammatik oder Syntax. Die drei Dialekte sind:
Hauptunterschiede bestehen bezüglich der Aussprache der Töne – die Norddialekte neigen dazu, die Töne stärker voneinander zu unterscheiden als die Süddialekte; das betrifft besonders den hỏi-Ton und den ngã-Ton. Die Rechtschreibung ist an den Dialekt der Hauptstadt angelehnt. Phonetik und PhonologieIn diesem Abschnitt wird die Aussprache des Vietnamesischen im Norden des Landes bzw. in Hanoi beschrieben. KonsonantenIn der Aussprache von Hanoi gibt es 22 Konsonanten-Phoneme:
Anmerkungen
Phonologische Prozesse
VokaleÜber das Vokalsystem des Vietnamesischen besteht unter Sprachwissenschaftlern relativ große Uneinigkeit. Die einfachen Vokale können auch als Diphthonge interpretiert werden und es gibt verschiedene Ansichten über die Merkmale Länge und Qualität. Einfache Vokale
Diphthonge und TriphthongeAußer den einfachen Vokalen (Monophthongen) hat das Vietnamesische noch eine Reihe von Diphthongen und Triphthongen. Phonologisch kann man diese Diphthonge und Triphthonge als Vokale beschreiben, auf die ein Konsonant ([j] oder [w]) folgt.
TonsystemDie Höhe und der Verlauf der Tonhöhe bei der Aussprache einer Silbe ist bedeutungsunterscheidend. Dies bedeutet, dass eine falsche Aussprache des Tones sinnentstellend wirkt. Ohne die Töne hätte die vietnamesische Sprache eine extrem hohe Anzahl an Homonymen. Die Töne des Vietnamesischen unterscheiden sich in Tonhöhe und -verlauf, Länge und Glottalisierung. In der vietnamesischen Schrift werden die Töne durch diakritische Zeichen kenntlich gemacht.
GrammatikDas Vietnamesische ist eine isolierende Sprache. Die Wörter werden also nicht flektiert, die Beziehung eines Wortes im Satz zu anderen Wörtern wird nur durch ihre Stellung im Satz deutlich. Deshalb wird die Satzkonstruktion Subjekt – Prädikat – Objekt im Allgemeinen eingehalten. Ausnahmen, etwa das Vorziehen des Objekts an den Satzanfang zur Betonung, sind möglich. Da es keine grammatischen Tempora gibt, wird die Zeitform nur aus dem Kontext sichtbar, d. h. sie geht aus dem Zusammenhang hervor oder wird durch andere Wörter (z.B. Adverbien) näher bestimmt. Bedeutsam ist das Vorkommen von Zähleinheitswörtern in der vietnamesischen Sprache. Wie in anderen asiatischen Sprachen ist es nicht möglich, das Numeral und das Nomen direkt zu verbinden, sondern es muss ein Zähleinheitswort dazwischengestellt werden. Diese unterscheiden sich danach, ob das Nomen belebt ist oder nicht, bei unbelebten Nomen sind Eigenschaften wie die Form entscheidend. Ähnlich wie in romanischen Sprachen steht bei Attributkonstruktionen das Attribut immer nach dem Wort, das es näher beschreibt, also etwa tiếng Việt (Sprache Vietnam). WortschatzVietnamesisch ist eine Sprache, bei welcher ursprünglich jedes Wort nur aus einer einzigen Silbe bestand. Bis heute sind das Grundvokabular und alle grammatisch bedeutsamen Wörter einsilbig. Im Laufe der Geschichte sind jedoch zahlreiche zweisilbige Wörter in den Wortschatz der Sprache aufgenommen worden. Mehrsilbige Wörter werden aber, von Eigennamen abgesehen, als mehrere Einzelsilben geschrieben. Mehrsilbige Wörter sind entstanden, in dem man neue Formen aus existierenden Wörtern zusammengesetzt hat, etwa bàn ghế (Tisch–Stuhl, Bedeutung: „Möbel“) oder nước mắt (Wasser–Auge, „Träne“). Weiterhin sind mehrsilbige Lehnwörter aus dem Chinesischen in die vietnamesische Sprache aufgenommen worden. Sind sie zweisilbig, so erkennt man sie leicht daran, dass das Beschreibende nicht hinter dem Beschriebenen steht, sondern davor. Die Aussprache ähnelt dabei nicht dem Hochchinesischen, sondern südchinesischen Dialekten (kantonesisch). Beispiele sind đại học (chin. da-xüe, kant. dai-hok = wörtl. Große Lehre (ein Buch des Konfuzius), moderne Bedeutung: „Universität“) oder ngữ pháp (chin. yü-fa = wörtl. Schrift-Gesetz, „Grammatik“). Es gibt eine hohe Anzahl an Synonympaaren, wobei das eine Wort aus vietnamesischen Komponenten zusammengesetzt ist, während es ein Wort chinesischen Ursprunges mit gleicher Bedeutung gibt. In der Regel wird das sino-vietnamesische Wort als archaisch empfunden und es gibt Bestrebungen, durch Standardisierungen die sino-vietnamesischen Wörter abzuschaffen. Wörter mit neueren Bedeutungsinhalten werden in der Regel durch Umschreibung geschaffen. Dazu gehört beispielsweise máy thu thanh (Maschine–sammeln–Klang, „Radio“). Bedingt durch die Jahrzehnte lange französische Kolonialherrschaft gibt es eine Reihe französischer Wörter im Vietnamesischen, die vor allem technische Ausdrücke wiedergeben oder Dinge des täglichen Lebens bezeichnen, die von den Franzosen im Land eingeführt wurden. Dazu gehören etwa ga (von gare, „Bahnhof“), xi-măng (von ciment, „Zement“), bia (von bière, „Bier“), pho mat (von fromage, „Käse“) oder bánh (von pain, „Brot“). SchriftDie vietnamesische Sprache wurde in drei Schriftsystemen geschrieben:
GeschichteDie vietnamesische Sprache wurde, ähnlich wie die koreanische oder japanische Sprache, von der chinesischen Sprache stark beeinflusst. Während der tausendjährigen chinesischen Fremdherrschaft (111 v. Chr. bis 938) war Chinesisch Amts- und Bildungssprache. Die Chinesen brachten mit ihrer Sprache auch ihre Literatur, Philosophie und Geschichte mit nach Vietnam. Dies führte zur Übernahme zahlreicher chinesischer Wörter in die vietnamesische Sprache, denn vor allem für die konfuzianistischen Beamtenprüfungen waren profunde Kenntnisse der chinesischen Sprache und Schrift unerlässlich. Wahrscheinlich zu der Zeit, als sich die sino-vietnamesische Aussprache gefestigt hatte, also frühestens ab dem 11., sicher jedoch ab dem 13. Jahrhundert, begannen vietnamesische Gelehrte, die chinesische Schrift abzuwandeln. Dies begann zunächst mit der Vereinheitlichung der Schreibung von vietnamesischem Wortgut, etwa Eigennamen. Später wurden eigene Zeichen eingeführt, um Wörter, die im Vietnamesischen häufig vorkamen, besser auszudrücken. Es entstand eine eigene vietnamesische Schrift, das Chữ Nôm. Diese Schrift wurde für die Chinesen letzten Endes unlesbar. Die ältesten Inschriften dieser Chữ Nôm-Zeichen finden sich auf Glocken in Tempeln und in Steininschriften. Kim Vân Kiều ist das bedeutendste literarische Werk, welches in Chữ Nôm verfasst wurde. Dieses Epos des Schriftstellers Nguyễn Du gehört bis heute zu den Klassikern der vietnamesischen Literatur und ist Standardlesestoff an vietnamesischen Schulen. Ab dem 16. Jahrhundert begann die missionarische Tätigkeit von katholischen Priestern aus Europa (v. a. Portugal, Italien, Spanien und Frankreich). Sie benötigten eine Umschrift der vietnamesischen Aussprache in lateinische Buchstaben, um die Sprache derer, die sie vom Christentum überzeugen wollten, zu lernen. Gleichzeitig hofften sie, dass das Erlernen des lateinischen Alphabetes auch das Erlernen der jeweiligen europäischen Sprache erleichtern würde. Die Schrift, die sie entwickelten, heißt Chữ Quốc Ngữ (nationale Schrift). Die Pioniere bei der Entwicklung dieser Schrift waren Christofora Borri, Francisco de Pina und Francisco de Buzomi. Die Missionare Gaspar d’Amaral, Antoine de Barbosa und Alexandre de Rhodes erstellten in der Folge unabhängig voneinander Wörterbücher der vietnamesischen Sprache. Im Jahre 1651 wurde das Dictionarium Annamiticum Lusitinum et Latinum von Alexandre de Rhodes in Rom zum Druck freigegeben. Chữ quốc ngữ entwickelte sich durch mehrere Modernisierungen und Vereinheitlichungen von Schreibweisen zu einer lateinischen Schrift mit zwei zusätzlichen Buchstaben für Vokale, die in westlichen Sprachen nicht existieren. Daneben werden die sechs Töne durch Diakritika dargestellt. Chữ quốc ngữ ist seit 1945 die offizielle Staats- und Verkehrsschrift Vietnams. Es handelt sich um eine phonetische Schrift, d. h., dass man aus der Schreibweise die Aussprache sehr exakt ableiten kann. Konsonanten
Vokale
TöneDie Töne werden durch Diakritika bezeichnet (s.o.). Da es Vokale gibt, die bereits von Natur aus ein diakritisches Zeichen haben, sind Vokale mit zwei Diakritika keine Seltenheit. Nicht jede Silbe existiert in jeder Tonhöhe; einige Silben ergeben nur in einem oder zwei der sechs möglichen Töne Sinn. Vietnamesisch im Unicode
Beispiel
Literatur
Weblinks
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